Was Startup-Ökosysteme von Estland lernen können

Tallinn Estland Startups

Das Baltikum-Land, in dem mit 1,3 Millionen halb so viele Menschen wie im Silicon Valley leben, wird auch E-Stonia genannt. Toomas Hendrik Ilves war von 2006 bis 2016 Staatspräsident und hat die konsequente Digitalisierung von Estland maßgeblich voran getrieben. Letzte Woche war er im Rahmen der Vergabe des Reinhard Mohn Preises 2017 in Gütersloh und schaute auch bei der Founders Foundation rein:

Was sich Startups und die gesamte Startup-Kultur von der Nation abschauen können, die bsw. Skype hervor gebracht hat, haben wir euch hier mal zusammen gestellt.

Es dauert 15 Minuten, um ein Unternehmen zu gründen

Und das geht sogar auch für Ausländer in Estland. Noch beeindruckender ist, wie z.B. Gründer in Estland ihre Unternehmensanteile mit einigen Klicks neu aufteilen können. Online. Ohne Notar, ohne Verträge, ohne tagelanges hin und her. Und: Von Berlin aus, ohne selber im Land sein zu müssen!

Das wird ermöglicht durch die E-Identity

Bereits seit 2002 erlaubt die E-Identity mit digitaler Unterschrift Behördengänge und Geschäfte online abzuwickeln – inklusive Wahlen und Steuererklärung. Alle Bürger werden einmalig erfasst und danach ist der Staat quasi nur noch Dienstleister. Über das Blockchain-ähnliche Programm X-Road können Patienten im E-Health-Bereich sogar auf ihre digitalen Krankenakten zugreifen und diese verschiedenen Ärzten zugänglich machen. Der Geschwindigkeitsgewinn durch die wegfallende Bürokratie ist enorm!

Wer Asterix kennt, kennt die lähmende Wirkung der Bürokratie:

Die einzigen behördlichen Vorgänge, zu denen man in Estland noch persönlich erscheinen muss sind:

  • Eheschließungen
  • Scheidungen

Welche Startups hat Estland denn hervorgebracht?

Das allseits bekannte Skype haben wir bereits erwähnt. Doch auch das hier bereits vorgestellte CRM-System Pipedrive stammt von der Ostsee. Ebenso wie Transferwise, Cloutex, Click & Grow, Grabcad, Erply, Fortumo und Lingvist

Internetzugang ist in Estland ein Grundrecht

Bereits 1995 wurde begonnen, die Schulen ans Internet anzuschließen. E-Learning gehört seitdem fest zum Lehrplan und Breitbandinternet ist auch in ländlichen Regionen Standard.

Kinder lernen programmieren in der ersten Klasse

Programmieren wird als eine Art Weltsprache verstanden. Das heißt nicht, dass alle Esten programmieren sollen. Aber: Jeder Este versteht so die Prinzipien nach denen die digitale Welt funktioniert. Und nur wer versteht, kann auch vertrauen. Estnische Schulkinder lernen aber bsw, auch Pitches zu erarbeiten und zu halten.

Startup Spirit in der Gesellschaft

Nicht nur in der Schule sondern auch in der Bevölkerung drückt sich die Startup-Haltung der Esten aus: Wie zum Beispiel am „Let’s do it!“-Day an dem die gesamte Bevölkerung aktiv etwas tut, das der Gemeinschaft zu Gute kommen.

Sicherheit und Freiheit im Internet nicht ausschließen

In einem Report zu Cyber-Security hat Estland den 1. Platz vor Norwegen belegt. Russland liegt bsw. auf Platz 62. Datensicherheit gilt in Estland nicht als Problem, sondern viel mehr als pragmatisches Werkzeug. Den Bürgern wird Datensouveränität zugestanden und sie können als aktive Gestalter mitwirken.

Und wer ist nun Toomas Hendrik Ilves genau?

Der Psychologe wurde in Schweden als Sohn estnischer Eltern geboren. Er wuchs an der Ostküste der USA auf und lernte als 13-jähriger das Programmieren (vor 48 Jahren!) und besaß als einer der ersten einen Apple 2E Computer! 1984 kehrte er nach Europa zurück. Seine erste Station war übrigens in Deutschland beim Radiosender Freies Europa. 1993 ging er nach Estland und begann zunächst wie oben erwähnt in den Schulen mit der Digitalisierung im Tiger Leap Program. In seiner Zeit als regierender Staatspräsident machte Ilves das Land zum Smart Country, da er das Potenzial in den smarten und gebildeten Menschen erkannte. Durch das russische Bildungssystem waren vor allem viele Mathematiker ausgebildet worden.

Toomas Hendrik Ilves Message an Startups:

„Tatsache ist, dass es zwischen Sicherheit und Freiheit keinen notwendigen Gegensatz und kein bedingtes Verhältnis gibt. Man kann beides haben. Sich dessen bewusst zu sein, ist besonders wichtig inmitten der Flut von Vorschlägen im gesamten demokratischen Westen. Sicherheit im digitalen Zeitalter darf nicht auf Kosten der Freiheit gehen.Die Digitalisierung selbst ist nicht aufwändig, die nötigen Entscheidungen dafür zu treffen schon.“

In diesem Video erklärt Ilves noch einmal selber, warum Estland so erfolgreich in der Digitalisierung und so attraktiv für Startups ist:

In seiner Dankesrede zum #rmp17 forderte Ilves die Politik auf, Startups und digitalte Entwicklungen zu verstehen und im Umkehrschluss von der Digitalwirtschaft, die Prinzipien der liberalen Demokratie zu befolgen, um das mühsam aufgebaute Vertrauen der Menschen in digitale Prozesse nicht wieder kaputt zu machen.

Ihr wollt mehr über die Möglichkeiten erfahren, die Estland für Startups bietet? Dann schaut hier bei Startups Estonia rein. Die Top-20 Startups 2016 aus Estland findet ihr hier.

Artikelbild von Lauri Väin auf Flickr unter CC Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0):
Tallinn at 6:20 am

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