Founders Talks

Team, Culture & Selbstorganisation mit Niklas Jansen von Blinkist

Unternehmenskultus Blinkist Founders Talk

Im Founders Talk gab Niklas Jansen vom Berliner Startup Blinkist handfeste Tipps und Erfahrungen, wie ihr eure Unternehmenskultur aufbaut, immer wieder prüft und weiter entwickelt. Kurz: Wie ihr Chefs abschafft und trotzdem Millionen-Umsätze macht.

Als ursprünglicher Salzkottener ist Niklas ein waschechter Ostwestfale und Co-Founder eines stark wachsenden Startups mit derzeit 50 Leuten: 25 Frauen, 25 Männer aus 14 Nationalitäten und dem kleinsten Bürohund der Welt, die gemeinsam für 2 Millionen Kunden arbeiten. Das Kernprodukt von Blinkist sind Buchzusammenfassungen als Text und Audio, die in ca. 15 Minuten die wichtigsten Ideen eines Buches vermitteln.

Wie sieht die Unternehmenskultur bei Blinkist aus?

Kultur ist erstmal alles, was von Menschen gemacht wurde. Klar, als erstes denken wir an Musik, Kunst, arte-Sendungen, die keiner gucken will. Tatsächlich hängt der Begriff Kultur aber als Gegenteil zur Natur viel stärker mit Arbeit zusammen, als mit den schönen Künsten. Menschen kultivieren seit Jahrtausenden Land mit ihrer Arbeit, um etwas essbares darauf zu erzeugen.

Kultur ist aber auch: „Ein System von Regeln und Gewohnheiten, die das Zusammenleben und Verhalten der Menschen leiten.“ (Cecil Helman). Wie also könnt ihr die passende Unternehmenskultur für euer Startup aufbauen?

Auch die Founders-Faust ist ein Stück Kultur

Auch die Founders-Faust ist ein Stück Kultur

Die erste Frage mit der Niklas ins Thema einstieg lautete:

Stellt man Leute ein, weil sie sich besser auskennen als man selbst? Oder weil einem nur die Zeit fehlt, etwas selber zu erledigen?
Diese einfache Frage hat maßgeblichen Einfluss auf die Unternehmenskultur, denn wenn ich die Leute nehme, die etwas besser können als ich selber, wird auch das Unternehmen kontinuierlich besser.
Stelle ich nur Leute ein, weil mir selbst die Zeit fehlt, dann verbringe ich irgendwann vielleicht viel Zeit damit, Menschen zu kontrollieren, denen ich ihre Aufgabe nicht zutraue.

Die Kultur bei Blinkist entwickelte sich in den ersten 2 Jahren des Unternehmens so, dass es für ein Startup recht starr und träge wurde. 12 Mitarbeiter verwalteten sich gegenseitig wie auf dem Amt, es wurden Wissensmonopole aufgebaut und die Kommunikation litt derart, dass überlegt wurde ein eigenes Team dafür aufzubauen, um die anderen Teams wieder zum miteinander sprechen zu bewegen.

Konsequenz war unter anderem, dass es wenig Umsatzsteigerung gab.

Unternehmenskultur entsteht immer. Ob man will oder nicht. Je nachdem wie ich als Gründer auftrete, entwickelt sich die Kultur in eine Richtung. Das kann sehr gut gehen, kann aber auch schwierig werden.

Blinkist hatte trotz der o.g. Schwierigkeiten bereits viel richtig gemacht. Deswegen konnte das Ruder herum gerissen werden, als die Teams sich gesagt haben:

Wir brauchen gemeinsame Werte

Also haben sich alle Team-Mitglieder Gedanken darüber gemacht: Wo möchten wir gemeinsam hin? Woran glauben wir als Team und was sind unsere gemeinsamen Werte überhaupt? Was möchten unsere Kunden?

Daraus entstand erstmal ein Wunschbild. Wichtig ist dann, sich genau zu fragen: Was davon hilft uns wirklich und was können wir auch umsetzen? Sonst schreibt man das eine hin und macht doch wieder das andere.

Die Werte, die Blinkist für sich ausgemacht hat sind:

  • Weltmeisterliche Selbstverantwortung Jedes Team-Mitglied weiß, was es zu tun hat, strukturiert die eigene Arbeit und darf die nötigen Entscheidungen treffen.
  • Transparenz als Grundlage So entsteht Vertrauen. Auch eine schwierige Lage des Unternehmens wurde 2014 mit allen Team-Mitgliedern transparent besprochen.
  • Direkt kommunizieren und Probleme aus der Welt schaffen. Im Zweifel auch mit objektiver Sicht eines unbeteiligtem Kollegen
  • Streben nach Lernen und persönlichem Wachstum So wie es auch der Auftrag gegenüber den Kunden ist.
  • Gegenseitiges unterstützen statt Wissen und Erfahrung zu horten.
  • Ego zu Hause lassen So wird gegenseitiges Unterstützen erst möglich.
  • Scheitern annehmen und ehrlich zugestehen, aus ihnen lernen und als Teil des Prozesses der Weiterentwicklung sehen.
Unternehmenswerte bei Blinkist

Die Unternehmenswerte bei Blinkist

Über diesen Werten steht noch einmal ein Leitbild bzw. Ein Guiding Star, wie es bei Blinkist heißt. Der selbstgegebene Auftrag für die Kunden:

Inspire people to keep learning

Jede Entscheidung lässt sich so auf sehr hoher Ebene bewerten: Wie hilft uns diese Entscheidung dabei, Menschen zum weiter lernen zu inspirieren? Davon lassen sich konkrete Ziele und Business-Entscheidungen bis ins Detail herunter brechen, wie: Bezahlen unsere Kunden dafür? Mit welchen Marketing-Maßnahmen finden wir diese Kunden? Wie machen wir unser Produkt besser?

So lassen sich auch klare und simple Team-Aufgaben formulieren: Ihr habt ein Marketing-Budget von 250.000 Euro um damit folgendes Ziel X zu erreichen.

Der Tipp lautet also: Baut keine Hierarchien oder Organisationen auf, sondern Kommunikation. Wenn jeder im Unternehmen über die folgenden 3 Fragen frei kommunizieren und Antworten finden kann, sind die Voraussetzungen für selbstorganisiertes Arbeiten geschaffen:

  1. Was ist mein Ziel?
  2. Warum ist das mein Ziel?
  3. Wie erreiche ich das und was mache ich, wenn etwas nicht funktioniert?

So entstand eine radikale Selbstorganisation mit verteilter Autorität und Transparenz. Und die Umsätze stiegen ab 2014 sprunghaft an.

Baut ein eigenes Betriebssystem für euer Startup

Blinkist hat heute keine Abteilungen oder festen Teams, sondern Circles mit Rollen und Squads für zeitlich begrenzte Sonderprojekte. Das ganze nennt sich Blinkist Operation System. In diesem Blog-Artikel beschreibt Blinkst die Entstehung.

Die Organisationsmethode von der das Blinkist OS abgeleitet wurde heißt Holocracy und kommt mit eigener Software und ausgefeilten Methoden. Das ständige Lernen und Weiterentwickeln kam auch hier zum Einsatz: Blinkist hat die Methode für sich angepasst, anstatt sich stringent an die Vorgaben zu halten. Wichtig ist auch bei der Bildung der Unternehmenskultur viel mit anderen zu sprechen, sich viele andere Unternehmen – ob Startup oder etabliert anzuschauen und immer wieder zu hinterfragen: Was bringt unser Unternehmen wirklich weiter? Sonst merkt man unter Umständen viel zu spät, dass das eine oder andere gar nicht zum Unternehmen passte und daher auch nicht gut war.

So sind zum Beispiel die Squads eine eigene Idee gewesen. Aus einem solchen Squad entstand eines der Features, das für den US-Markt am wichtigsten war: Blinkist Audio-Funktion. Buchzusammenfassungen nicht nur zum Lesen sondern zum Anhören. Hierzu hatten sich 6 Leute, die sich für das Audio-Feature interessierten zusammen getan, bekamen den Auftrag: „Wir brauchen eine Audio-Funktion in der App. Legt los!“ Und dann legte das crossfunktionale Projektteam los.

Übrigens arbeiten die einzelnen Circles sehr unterschiedlich. Niklas brachte als Beispiel den Content-Circle, der die Buchzusammenfassungen erstellt und eher redaktionell und sehr kooperativ arbeitet, im Gegensatz zum Performance-Marketing-Circle, in dem die Arbeit deutlich analytischer und schneller getaktet abläuft.

A Problem is a problen, when it’s a problem.

So lautete Niklas Antwort auf die Frage: „Wie werdet ihr als Unternehmen funktionieren, wenn ihr 120 oder mehr Mitarbeite seid?“ Die Haltung ist auch ein wunderbarer Abschluss für diesen Artikel.

Sorgt in eurem Startup immer für gut funktionierende Kommunikation und fluides Arbeiten, sodass euer Team Probleme schnell erkennen kann, weiß wer möglicherweise bereits einen Lösungsansatz hat und sich selbstständig um die Lösung des Problems kümmert.

Haltet euer eigenes Operation System so allgemein wie möglich, damit es sich schnell verändern kann und niemand in der Lage ist, Details an sich zu reißen und Wissen zu horten.

Und:
Hinterfragt jeden Ratschlag und jedes noch so gute Organisations-System, ob es wirklich zu eurem Unternehmen passt. Nutzt keine Fertiglösung out-of-the-Box, sondern lasst euch inspirieren, bildet euch eine eigene Meinung und baut eure Kultur selber auf.

Lost Password